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Fernlehrgänge sind gefragter denn je
Fernunterricht ist die industrialisierte Form des Lehrens und Lernens. So hatte es einst Otto Peters, der international hoch renommierte Fernstudienexperte und Gründungsrektor der FernUniversität, formuliert.
Diese provokative These habe ich Ihnen vor geraumer Zeit an dieser Stelle erläutert und bin nach eingehender Diskussion zu einem ergänzenden und kontrapunktischen Ergebnis gekommen: Wegen seines aktivierenden, bildungssoziologisch gesehen partizipatorischen Charakters ist Fernunterricht eine demokratisierte Form des Lehrens und Lernens. (Wer sich näher darüber informieren will, kann dies in dem hier angezeigten Buch "Qualifikation und Erfolg" nachlesen.) Festzuhalten bleibt, daß Fernunterricht eine Form der Weiterbildung mit zwei wesentlichen, spezifischen Merkmalen ist: Das eine ist die räumliche Trennung (ausschließlich oder überwiegend), d. h. es müssen Medien wie etwa gedrucktes Material oder elektronische Medien, meistens im Verbund, eingesetzt werden; das andere ist die Betreuung, Anleitung des Lernprozesses und die Überwachung des Lernerfolgs durch Lehrende.
Fast 200.000 Fernlernende in Deutschland
So steht es im Fernunterrichtsschutzgesetz, das bereits seit 25 Jahren jedem Anbieter vorschreibt, für jeden Fernlehrgang (mit Ausnahme reiner Hobby-Lehrgänge) bei der Staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) eine Zulassung zu beantragen. Geprüft werden dabei der fachliche Inhalt, der didaktische Zuschnitt und ob das Lehrgangsziel mit den Methoden erreichbar ist. Darüber hinaus werden (auch bei Hobby-Lehrgängen) Vertragsgestaltung, Werbung und Information einer strengen Kontrolle unterzogen. Das Gesetz ist damit ein wirksames Instrument des "Verbraucherschutzes" im Bildungswesen; und als solches hat es segensreichen Einfluß ausgeübt: Wer immer also heute in Deutschland einen Fernlehrgang beginnt, kann sicher sein, daß der Lehrgang mit den Zielen der beruflichen Bildung im Sinne des Berufsbildungsgesetzes oder mit Prüfungsanforderungen der Kultusministerien übereinstimmt, daß die Inhalte dem neuesten Stand der Fachwissenschaft entsprechen, daß das Material praxisorientiert und zum Selbstlernen gut geeignet ist und daß Werbung, Information und Geschäftsgebaren hohen rechtlichen Standards entsprechen.
Dies alles {und natürlich auch andere Faktoren) haben zu einer Expansion der Nachfrage und somit des gesamten Marktes geführt. Fast 200.000 Erwachsene in Deutschland lernen heute "fern". Und das ist wahrscheinlich noch zu tief gegriffen, denn die Zahl betrifft nur die Teilnehmer offizieller Fernlehrgänge privater Anbieter. Hinzugerechnet werden müßten alle sogenannten E-Learning-Aktivitäten, die in Betrieben, Schulen und Hochschulen vonstatten gehen. Um die neuen Lehr- und Lernformen mittels elektronischer Medien auch in der Bezeichnung des Gegenstands anklingen zu lassen, hat man den Terminus DistancE-Learning erfunden. So nennt sich der Fachverband für Fernlernen und Lernmedien e. V, der Ende 2003 aus dem bestehenden Deutschen Fernschulverband hervorgegangen ist: Forum DistancE-Learning. Er repräsentiert derzeit 65 Mitglieder und ca. 70 % des Gesamtmarktes.
Mehr als 2.000 Lehrgänge
Bei den Angaben des Statistischen Bundesamtes, denen neue Meldekriterien zugrundeliegen, hat sich herausgestellt, daß der Markt fast doppelt so groß ist wie bisher erfaßt. Mir Abstand die beliebtesten Themenbereiche sind Kurse zu Wirtschaft und kaufmännischer Praxis (25 %) und Lehrgänge, die auf Schulabschlüsse vorbereiten (19 %). Es folgen Pädagogik und Sozialwissenschaften mit 10 %, Naturwissenschaft und Technik mit 9,5 % und Sprachkurse mit etwas mehr als 9 %. Gut ein Drittel aller Fernlernenden streben einen öffentlich-rechtlichen bzw. staatlichen Abschluß an.
Seit etwa zwei Jahren zeichnet sich im Fernstudium ein Boom in den Fachbereichen Wirtschaft und Kaufmännische Praxis ab. Unerreichte Vorreiter dieses Zuwachses sind die Betriebswirte, die sich bei den privaten Bildungsträgern ein Hausdiplom holen. Dabei wetteifern die klassischen BWL-Anbieter mit innerbetrieblichen Angeboten großer Konzerne um immer mehr Praxisnähe. Zum Beispiel bietet die Deutsche Bahn AG ihren BWL-Fernkurs mit einer Aufbaustufe in Logistik seit diesem September auch offen an.
Das DistancE-Learning-Angebot wächst seit Jahren beständig: Derzeit können Interessierte zwischen 2.025 staatlich zugelassenen Fernlehrgängen wählen - ein Zuwachs von 8 % innerhalb eines Jahres. Auch die Zahl der Anbieter nimmt zu. Vor Jahresfrist (2003) waren es 285, mittlerweile sind es 302. Die meisten sind thematisch hoch spezialisiert: 90 % der Anbieter betreuen weniger als 1.000 Teilnehmer in maximal 10 Lehrgängen. Die Kursvielfalt reicht vom "Diplom-Fitness-Ökonom" über "Industriemeister Luftfahrttechnik" bis zum "Qualitätsmanager" im Gesundheitswesen.
Frauen belegen mehr Führungsthemen
Fernunterricht wird von allen Altersgruppen genutzt. Besonders auffällig ist der hohe Anteil älterer Fernlernender. 9 % sind über 40 Jahre, weitere 19 % zwischen 35 und 40 Jahre alt. Die Älteren belegen neben Wirtschaftsthemen vor allem EDV-Kurse - ein Zeichen für den Qualifikationsdruck bzw. Nachholbedarf im Bereich digitaler Medien, die Jüngeren nutzen Fernlehrgänge, um einen Schulabschluß nachzuholen. Etwa 20 % der Teilnehmer sind unter 25 Jahre alt.
Fast die Hälfte aller Fernkursteilnehmer sind Frauen. Dabei wächst die weibliche Klientel unaufhörlich stärker als die männliche. Etwa beim ILS-Betriebswirt beträgt die weibliche Quote schon 50% und damit deutlich mehr als der statistische Frauen-Durchschnitt an leitenden BWL-Positionen der Wirtschaft (22%). Bei der AFW in Bad Harzburg bildeten weibliche Studierende 2003 mit 58% bereits eine stabile Mehrheit, die weiter wächst. Häufiger als Männer belegen Frauen Führungsthemen wie Tourismus (80%), Personalwesen (79%) oder Marketing (58%) und tragen dazu bei, daß sich neue typische "Frauen-Berufe" konstituieren.
Von den aktuell 2.025 staatlich zugelassenen Fernlehrgängen sind rund ein Viertel reine E-Learning-Kurse. Im Jahr 2000 waren es gerade mal 50, also 3 %! Und mehr als 75 % aller Institute unterstützen ihre Kurse mittlerweile elektronisch. Oft können die Teilnehmer den für sie optimalen Grad an elektronischer Unterstützung ihres Lehrganges selbst wählen. Klassischer Fernunterricht und E-Learning sind heute nicht mehr zu trennen, so ist die allgemeine Meinung, die auch vom Vorsitzenden des Forums DistancE-Learning, Dr. Martin Kurz, offensiv vertreten wird. Didaktisch überzeugende Konzepte setzen das für den jeweiligen Lerninhalt geeignete Medium ein. Das können Computer based oder Web based Trainings sein oder auch ganz klassisch gedruckte Unterlagen. Bildschirm oder Studienbriefe: Es geht um das flexible Lernen zu jeder Zeit und an prinzipiell jedem Ort, was der Entscheidungsverfügung des Bildungsteilnehmers unterliegt.
Ratgeber für Fernunterricht: www.zfu.de
Autor der Artikelserie: Dr. Hans-Henning Kappel Johann Wolfgang Goethe-Universität Fernstudium und Weiterbildung Senckenberganlage 15 60054 Frankfurt am Main Tel. 069/798-23809 od. -23613 Telefax 069/798-238 05
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