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Biss beweisen

Auf neue Herausforderungen im Job bereiten sich immer mehr Fach- und Führungskräfte vor. Die Kosten halten sich in Grenzen, oft zahlt sogar der Chef.

Seit Oktober hat Jens Klein nur noch wenig Zeit für seine Familie. Neben seiner 70-Stunden-Woche muss er abends Studienbriefe durcharbeiten. In dem sechsmonatigen Fernkurs zum Rating Advisor an der Europäischen Fernhochschule Hamburg lernt der Mitinhaber der Kanzlei Hinck und Klein Steuerberater in Apensen bei Buxtehude, wie er Unternehmen möglichst gut auf die Neuerungen von Basel II vorbereitet: Diese Richtlinien sollen von 2007 an Grundlage für die Bewertung von Unternehmen im Kreditvergabeprozess sein.

Klein zu seiner Mehrarbeit: "Das ist schon hart, macht aber auch Spaß und ist einfach notwendig. Meine Kunden brauchen eine qualifizierte Beratung, und außerdem machen das bisher noch nicht viele Steuerberater."

Ob zur Weiterbildung, Jobsuche oder beruflichen Neuorientierung: "Immer mehr Menschen setzen auf Fernlehrgänge", so Martin Hendrik Kurz, Präsident des Forum Distance-Learning. Größter Vorteil: Fach- und Führungskräfte lernen, wann und wo sie wollen. Der Lernstoff ist in Studienbriefen aufbereitet. Hausaufgaben werden per E-Mail eingeschickt und kommen korrigiert zurück. Für Fragen stehen Tutoren bereit, und oft werden ergänzend Präsenzseminare angeboten.

"Viele Führungskräfte nutzen Fernkurse, weil sie neue Aufgaben übernommen haben oder übernehmen wollen und ihnen die dafür notwendigen Fachkenntnisse fehlen", sagt Ingo Karsten, Direktor des Hamburger Instituts für Lernsysteme (ILS) in Hamburg. Gerade bei betriebswirtschaftlichem Wissen gebe es großen Nachholbedarf, ergänzt Axel Schaper, Leiter der AFW Wirtschaftsakademie Bad Harzburg.

Laut einer Umfrage des Statistischen Bundesamts haben 2003 knapp 200000 Personen in Deutschland ihre Fachkenntnisse und Fertigkeiten mit einem Fernkurs erweitert. Das Angebot an Kursen wächst seit Jahren beständig. So konnten Interessierte im September 2004 zwischen 2025 Fernlehrgängen wählen. Das entspricht einem Zuwachs von acht Prozent innerhalb eines Jahres. Auch die Zahl der Anbieter stieg von 285 auf 302 Institute.

Wachstum. Experten prophezeien dem Fernlernen weitere Zuwachsraten. "Künftig wird die Eigeninitiative eine immer größere Rolle spielen", glaubt Andreas Tietge, Personalentwickler bei der LBS Nord in Berlin-Hannover. Der Trend gehe dahin, dass Mitarbeiter selbst in ihr Standardwissen investieren und Unternehmen nur noch die für den Job notwendigen speziellen Kenntnisse vermitteln.

Trotz Internet und E-Learning basieren die Fernkurse weiter auf den klassischen Studienheften. Pro Monat bekommt der Kursteilnehmer in der Regel ein solches Heft zugeschickt, das er dann durcharbeiten muss. "Die wollen einfach gedrucktes Material", sagt Kurz. Schließlich habe keiner Lust, 60 Seiten am Bildschirm zu lesen.

Allerdings unterstützen mehr als drei Viertel aller Fernlehrinstitute ihre Kurse mittlerweile elektronisch, sei es durch zusätzliche Übungen im Internet oder Diskussionsforen und Chaträume. "Wir überlegen bei jedem Lehrgang, welcher Medienmix für den Kunden und das Lernziel am besten ist", sagt Karsten. Bei dem Marktführer lernen derzeit mehr als 55 000 Teilnehmer - immerhin 16 000 davon sind auch auf dem Onlinecampus aktiv.

Abgeschlossen werden Fernlehrgänge mit einer Teilnahmebestätigung, einem institutsinternen Zertifikat oder einem externen Abschluss, etwa von der Industrie- und Handelskammer. "Generell haben externe Abschlüsse einen höheren Stellenwert auf dem Arbeitsmarkt", sagt Gereon Franken, Geschäftsführer der Fernstudienakademie in Münster. Allerdings gebe es diese bei vielen Themen nicht, sei es, weil der Kurs zu speziell oder das Thema zu neu ist. Fernlehrinstitute reagieren oft viel schneller auf aktuelle Trends als öffentlich-rechtliche Stellen.

Aufsicht. Als einziger Weiterbildungsbereich unterliegt der Fernunterricht der staatlichen Kontrolle, und der Kunde ist daher vor unseriösen Anbietern geschützt. Qualität und Organisation der Kurse werden von der Staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) überprüft und müssen die im Fernunterrichtsschutzgesetz beschriebenen Standards erfüllen, die im Internet unter www.zfu.de aufgelistet sind.

Kontrolliert werden alle Angebote, die Kenntnisse und Fähigkeiten über eine räumliche Distanz mit persönlichen Lernerfolgskontrollen auf vertraglicher Basis und gegen Entgelt vermitteln. Jeder Fernlehrgang braucht eine Zulassung, und die Zulassungsnummer muss in den Broschüren genannt werden. "Das gilt auch für alle E-Learning-Kurse, wenn es eine persönliche Betreuung und Benotung gibt", sagt Fernkursexperte Franken.

Dabei prüft die ZFU auch die inhaltliche Qualität- Für jeden Kurs wird ein detailliertes Gutachten erstellt - inklusive der Verbesserungsvorschläge, zu deren Umsetzung der Anbieter verpflichtet ist. "Es existiert in Deutschland eigentlich kein richtig schlechter Fernkurs", sagt Franken. Angebote gibt es für zahlreiche Bildungsziele. Die meisten Teilnehmer bilden sich aber im Bereich Wirtschaft und kaufmännische Praxis weiter. Dazu gehören neben längeren Lehrgängen auch kürzere Kurse in Arbeitsrecht, Marketing oder Controlling, in Mitarbeiterführung, Qualitätsmanagement oder Wirtschaftsenglisch.

Themenvielfalt. Erhebliche Zuwächse verzeichnen auch die Kurse an den neun privaten Fernhochschulen, So bieten die Akad Privathochschulen drei- bis sechsmonatige Studienmodule zu mehr als 170 Themen aus den Bereichen Wirtschaft und Sprachen an, darunter etwa Internationale Beschaffung, Produktion und Finanzmanagement, Strategisches Marketing oder Personalentwicklung und Controlling.

"Dieses Angebot wird vor allem von Führungskräften genutzt, die sich schnell und fundiert in ein Thema einarbeiten müssen", sagt Akad-Sprecher Hans-Jörg Groscurth. Häufig gebe es dabei auch Rahmenverträge mit Unternehmen, die ihren Mitarbeitern die Kurse dann zum vergünstigten Preis anbieten.

So nahmen nach Auskunft der Anbieter im Jahr 2003 knapp 8000 Mitarbeiter im Rahmen betrieblicher Qualifizierungsmaßnahmen an Fernlehrgängen teil. "Am stärksten gefragt sind betriebswirtschaftliche Grundlagen für Führungskräfte", sagt ILS-Chef Karsten. Derzeit habe man 32 Kurse für 16 Unternehmen laufen. Oftmals werde dabei im Fernkurs das Grundwissen vermittelt, um die firmenspezifischen Inhalte kümmert sich dann das Unternehmen selbst. Immer häufiger sei das erfolgreiche Absolvieren des Fernkurses auch Voraussetzung für die Teilnahme an einem Präsenzseminar. Karsten: "Dadurch stellen wir sicher, dass alle Teilnehmer den gleichen Wissensstand haben."

LBS-Personalentwickler Andreas Tietge nutzt für die Weiterbildung seiner Führungskräfte auch einzelne Studienbriefe von Fernkursen, um die Präsenzphasen zu verkürzen. Zudem hat die Bausparkasse gerade zusammen mit der AFW Wirtschaftsakademie Bad Harzburg einen firmeninternen Kurs für Immobilienmakler entwickelt. "Es gab einfach nichts Passendes auf dem Markt", sagt Tietge. Bei der LBS fördere man das berufsbegleitende Lernen konsequent, übernehme die Kosten und stelle die Mitarbeiter für Workshops frei.

Investition. So großzügig sind nicht alle Unternehmen. ILS-Chef Karsten beispielsweise beobachtet immer häufiger eine erfolgsorientierte Bezahlung: Der Mitarbeiter bezahlt zunächst den Lehrgang selbst und investiert seine Zeit. Schließt er den Kurs erfolgreich ab, erstattet ihm das Unternehmen anschließend die Kosten teilweise oder ganz. Die sind im Vergleich zu Präsenzseminaren sehr moderat und liegen in der Regel zwischen 90 und 160 Euro pro Monat. Wer die vorgesehene Kursdauer überzieht, kann meist noch ein paar Monate kostenlos weiterlernen.

Stark auf Fernlernen setzt auch die Deutsche Bahn. Dort büffeln derzeit 1200 Mitarbeiter in der Akademie für internationale Mobilität neben ihrem Job. "Qualifizierung bedeutet für uns gemeinsame Investition in Beschäftigungsfähigkeit und damit in die berufliche und persönliche Zukunft", sagt Norbert Bensei, Personalvorstand der Deutschen Bahn. "Dabei nimmt die berufsbegleitende Qualifizierung insbesondere für Fach- und Führungskräfte einen immer größeren Stellenwert ein." Man fördere Mitarbeiter gezielt über Fernlehrgänge und eröffne ihnen damit auch Entwicklungsperspektiven, ergänzt Jörg Schäfer, Leiter Bildungsstrategie und -politik bei der Bahn. Den Vorteil sieht er vor allem in der Verknüpfung von Theorie und Praxis. "Das Lernen mit Praxisbezug fällt einfach leichter."

Das erlebte auch Christina Beuchel. Für die Weiterbildungsreferentin der Bahn war der einjährige Fernkurs Industrial Management an der Privaten Fernhochschule Darmstadt die ideale Möglichkeit, sich betriebswirtschaftliches Grundwissen anzueignen. "Als Pädagogin hatte ich keine Ahnung von kaufmännischen Dingen", sagt die 30-Jährige. Irgendwann sei ihr daher klar geworden, dass sie so keine Karriere mache.

"Schon während des Kurses verändert man seine Arbeitsweise", beobachtete Beuchel. "Man ist besser organisiert, hat eine höhere Stressresistenz und steigert seine Leistungsfähigkeit." Gleichzeitig seien ihr auch immer anspruchsvollere Aufgaben anvertraut worden, und zum 1. Januar wechselt die 30-jährige Akademikerin in die zentrale Funktion als Referentin für Personal- und Führungskräfteentwicklung im Unternehmensbereich Fahrweg bei der Bahn in Frankfurt.

Auch Wilhelm Köhler hat vom Fernlernen profitiert. "Ich denke nicht, das ich meinen Job hier sonst bekommen hätte", sagt der Geschäftsführer der Stadtwerke Bergen bei Celle. Der Wirtschaftsinformatiker hat den 16monatigen Fernlehrgang zum Management Referenten an der AFW Wirtschaftsakademie absolviert und empfiehlt den Kurs jedem, "der in der Wirtschaft Verantwortung tragen möchte".

Ehrgeiz. Mehr als 74000 Teilnehmer haben den Lehrgang bereits abgeschlossen, fast zwei Drittel davon sind Akademiker. "Unsere Absolventen sind fast alle sehr karriereorientiert und ehrgeizig", sagt Akademieleiter Schaper, denn einfach sei es natürlich nicht, sich abends oder am Wochenende hinzusetzen und zu lernen.

Das wissen Personalchefs zu schätzen. "Wer einen längeren Fernkurs erfolgreich absolviert hat, der hat Biss und Durchhaltevermögen bewiesen", bestätigt Jürgen Bock, Leiter der Personalentwicklung bei Otto. "Das sind Eigenschaften, die wir gut gebrauchen können."

Obwohl die Stärken des Fernunterrichts in der Vermittlung von Fachwissen liegen, werden auch weiche Themen immer stärker nachgefragt. "Lange Zeit waren die Soft Skills überhaupt nicht vertreten", sagt Kurz. Inzwischen steige das Angebot vor allem in den Bereichen Personalführung, Coaching und auch Psychologie.

"Unser absoluter Renner ist der Lehrgang zum Personal Coach", bestätigt ILS-Direktor Karsten. Bereits im ersten halben Jahr hätten sich 400 Teilnehmer bei dem 15monatigen Kurs eingeschrieben, die meisten davon Führungskräfte. Grund: Der Lehrgang sei nicht nur für jene geeignet, die sich als Coach selbstständig machen wollen, sondern auch für Führungskräfte.

"Da bekommt man ein breites und tiefes Know-how über Führung", bestätigt Otto-Personalentwickler Bock, der die Unterlagen gesichtet hat. Wichtig sei dabei vor allem die Praxisphase, bei der das erworbene Wissen vertieft werde. So schließt der Lehrgang mit einem fünftägigen Blockseminar ab.

Auch Thorsten Büsser ist von dem Kurs begeistert. "Erst war ich sehr skeptisch, weil Coaching vor allem mit Interaktion zu tun hat", sagt der Personalleiter bei Experteach in Dietzenbach. Doch jetzt weiß er den Unterricht zu schätzen: "Da wird einem sehr komprimiert viel Handwerkszeug geboten und in Übungen vertieft." Im Juli hat er mit dem Lehrgang angefangen. Seitdem muss er genauso wie Steuerberater Jens Klein auf einen Teil seiner Freizeit verzichten.

Bärbel Schwertfeger

 

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