Fachgespräche, Interviews und Beiträge

Eingliederung und Lebenserfolg durch bewusstes Lernen.

Sprache, Berufswissen und Weiterbildung sind die drei Eckpfeiler für soziale und berufliche Integration und Assimilation deutscher Staatsbürger mit familiärem Emigrations-Hintergrund. Der Autoverkäufer Kenan Emanet (38), ein in Hamburg geborener Deutsch-Türke, ist ein außerordentliches Beispiel dafür, wie durch bewusstes Lernen Eingliederung und Lebenserfolg gelingen können. Emanet stellte sich kürzlich den Interviewfragen des Bildungspublizisten Eberhard B. Freise.

Kenan Emanet

Kenan Emanet

Eberhard B. Freise: Herr Emanet, Sie sind deutscher Staatsbürger türkischer Herkunft. Stimmen Sie zu, wenn wir Sie als einen in der deutschen Gesellschaft und im deutschen Berufsleben perfekt assimilierten Spross einer Einwandererfamilie bezeichnen?

Kenan Emanet: Ja, meine Familie ist in der zweiten Generation bereits optimal integriert. Ich habe die positiven Eigenschaften beider Länder sowohl privat als auch beruflich internalisiert. Das sind unter anderem Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Kommunikationsfreude der Türken und die deutsche Arbeitsdisziplin und Pünktlichkeit. Diese günstige Mischung hat sicherlich mit für meinen beruflichen Erfolg gesorgt.

Sie sind 1971 in Hamburg Altona geboren und bei Ihren türkischen Eltern zweisprachig aufgewachsen. Welche Sprache beherrschen Sie in Wort und Schrift besser — türkisch oder deutsch?

Bis zum fünften Lebensjahr bin ich mit der türkischen Sprache aufgewachsen. Vom sechsten Lebensjahr an habe ich in der Vorschule die ersten Kenntnisse der deutschen Sprache erlangt. Heute beherrsche ich beide Sprachen fließend.

Dann haben Sie ganz normal auf einer deutschen Schule Ihren Hauptschulabschluss erworben, sind danach bei einem Autohaus in Hamburg erst zum Kfz-Mechaniker und dann bei BMW zum Autoverkäufer ausgebildet und anschließend, als 20-jähriger, von Ihrer Firma als Verkäufer für Neu- und Gebrauchtfahrzeuge weiterbeschäftigt worden. Woher rührte Ihre Liebe zum Auto?

Kenan Emanet: Es waren die Perfektion im Detail, das Design, Exterieur und Interieur, der Sound der unterschiedlichen Motoren eines Sechs-, Acht- oder Zwölfzylinders und die Beschleunigung, die immer wieder meine Begeisterung geweckt haben. Kurz: ich habe in jungen Jahren Benzin geleckt.

Und worauf beruhten Ihre Verkaufserfolge?

Es macht mir Freude, das Vertrauen von Menschen (von Kunden) zu erobern und für sie eine individuelle Bedarfsanalyse perfekt durchzuführen. Wie gesagt, gehören immer auch Herzlichkeit, Freundlichkeit, Kommunikationsfähigkeit und viel Geduld dazu.

Sie waren sozusagen Teil der zahlenmäßig starken türkischen Minderheit im Arbeitervorort Altona und bedienten auf Grund Ihrer Zweisprachigkeit gleich zwei Kundengruppen: eine türkische und eine deutsche. Als was fühlten Sie sich damals: eher als Türke in Deutschland oder als Deutscher mit dem, was wir »Emigrations-Hintergrund« nennen?

Weder noch, ich fühle mich wie ein Europäer ohne Grenzen. Ich freue mich, wenn ich Menschen kennen lernen, die jeden Tag ihr persönliches Netzwerk vergrößern und gern Brücken zu anderen bauen — egal welche Hautfarbe sie tragen, welcher Nationalität und welcher Religion sie angehören. Damals hatten türkische Mitbürger oft riesige Hemmschwellen, große Autohäuser zu besuchen. Mein persönliches Ziel war es, ihnen diese Angst zu nehmen und unsere Verkaufsräume für sie zugänglich zu machen.

Eine große deutsche Autofirma, nämlich BMW, hat Sie schon zwei Jahre später als Verkaufstalent für ihre große Hamburger Niederlassung am Nedderfeld entdeckt und Sie in der Gebrauchtwagen-Abteilung eingesetzt; dort sind Sie noch heute leitend tätig?

Ja, das war so: Im März 1993 klingelte mein Telefon. Im Verlauf des Gesprächs bot mir ein BMW-Manager einen sensationellen Wechsel in die höhere Liga an. Ich nahm das Angebot an — und ein erfolgreiches Jahr jagte das andere.

Da Ihr Arbeitgeber Ihren Einsatz und Ihre zunehmenden Verkaufserfolge schätzte, hat er Ihnen nach 13 Jahren, als Sie 35 waren, die verantwortungsvolle Position als District Area Manager Middle East in Dubai in Aussicht gestellt. Es war Ihr Ziel, später Ihre Karriere für BMW in der Türkei fortzusetzen. Warum ist daraus nichts geworden?

Diese neue Aufgabe war sehr aufregend, aber in sich noch nicht ganz rund, weil ich noch einige Defizite hatte. Ich musste Englisch in Wort und Schrift beherrschen und, wenn irgend möglich, ein BWL-Studium absolvieren. Ich nahm sofort Englisch-Einzelunterricht und suchte parallel nach der Möglichkeit eines Studiums…

Sie haben auch gleich 2006 begonnen, sich durch ein zunächst zweijähriges Fernstudium zum Betriebswirt bei der afw Wirtschaftsakademie auf den Job im fernen Dubai vorzubereiten. Warum deutsche BWL und warum bei der afw?

Nachdem ich diverse Erstgespräche und Probestunden bei anderen Akademien absolviert hatte, merkte ich, dass ein reguläres Präsenzstudium neben meiner 60-Stunden-Woche nicht erfolgreich durchführbar war. Überzeugende Beratungsgespräche und Probestunden bei der afw hatten einen großen Einfluss auf meine Entscheidung für ein Fernstudium und die Wahl der afw. Das Angebot eines nicht zeit- und ortsgebundenen Lernens hörte sich sehr gut an. Ich entschied mich auch deshalb dafür, weil die Studienzeit kurz gehalten war und die Studienbriefe interessant zu sein schienen.

Dann machten Sie eine schicksalhafte Begegnung: Sie lernten den Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Mutto GmbH kennen, der Sie bat, ihn bei der geplanten Neugründung eines Freizeitparks kaufmännisch zu unterstützen. Sie willigten ein, stellten aber fest, dass dessen Konzept nicht realisierbar war.

So war es. Mit den Gesellschaftern haben wir die umliegende Konkurrenz analysiert. Die hatte uns nicht nur 20 Jahre Erfahrung voraus, sondern auch einen außerordentlich guten Ruf. Wir haben diverse Szenarien durch-gespielt: best Case, worst Case. Das Konzept war nicht rund, die Einzigartigkeit fehlte und es wäre nichts als eine billige Kopie — nichts Originelles geworden.

Nun wollte es der Zufall, dass Mutto ein Freizeitgrundstück erworben hatte, auf dem auch eine stillgelegte Wasserquelle mit Schürfrechten lag. Sie entwickelten die Idee, die Quelle auszubeuten und damit in den Wachstumsmarkt Mineralwasser einzusteigen. Labortests bestätigten die Güte des Wassers und bestärkten Sie in der Geschäftsidee.

Ja, meine Vision war, in das Watercooler-Geschäft einzusteigen, denn dieser Markt ist nicht so hart umkämpft wie das Geschäft mit losen Flaschen. Ich versuchte den Herren aufzuzeigen, wie der Haushaltsbedarf gedeckt werden konnte, wo die Konkurrenz schläft und wo unsere Chancen liegen. Die Gesellschafter boten mir eine Partnerschaft an.

Sie konnten im Wassergeschäft von Anfang an die BWL-Kenntnisse anwenden, die Sie gerade frisch in Ihrem berufsbegleitenden Studium erworben hatten. Welche Schwerpunkte umfasste Ihr Konzept?

Genau. Durch die afw erkannte ich betriebswirtschaftliche Zusammenhänge, die mir als Vertriebsprofi in der Praxis nicht unbedingt bekannt waren. Viel wichtiger aber war, dass mir durch das Fernstudium die Angst genommen wurde, in eine bestehende GmbH einzusteigen … Mein Konzept war, ein Nischengeschäft aufzubauen — mit den Eckpunkten überschaubare Produkt-Vielfalt, günstige Produktion, eindeutige Qualitäts- und Service-Merkmale, einfache Vertriebswege, Langfristigkeit, Produktreue und maximale Qualität zum Minimalpreis und die erfolgsabhängige Entlohnung der Mitarbeiter. Die Kenntnisse dafür hatte ich mir im Studium beigebracht.

Nun brauchten Sie zusätzlich Manager-Kenntnisse - war es so?

Ja, von der unmittelbaren Anwendbarkeit des studierten Wissens ermutigt, schrieb ich mich 2007 gleich noch für das BWL-Aufbaustudium mit Management-Schwerpunkt ein. Und das Selbstgelernte konnte ich auch anschließend unmittelbar in meine Praxis übertragen.

Wann und warum, Herr Emanet, haben Sie sich entschlossen, lieber in Deutschland berufstätig zu sein als das BMW-Angebot einer internationalen Karriere anzunehmen und später für BMW ins Land Ihrer Väter zu gehen?

Ich habe Familie, deren Wohlergehen für mich an erster Stelle steht. Meine Frau und meine Kinder sind in Deutschland gesellschaftlich und schulisch vollkommen integriert. Solange die Kinder schulpflichtig sind, wollen wir sie nicht aus ihrem Umfeld herausreißen. Jetzt weiß ich, dass ich mich für gestern und heute richtig entschieden habe. Wie ich mich für morgen entscheiden werde, weiß ich noch nicht.

Sie haben Ihr unternehmerisches Engagement im Mineralwassergeschäft seit Jahren stets neben Ihrem Job als Autoverkäufer betrieben. Wie war das möglich — zeitlich und arbeitsrechtlich?

Das Arbeitsrechtliche habe ich mit meinem Arbeitgeber offen besprochen. Meine Beratertätigkeit für Mutto hat meine verkäuferischen Leistungen für BMW weder zeitlich noch vom Erfolg her beeinträchtigt. Mein Arbeitgeber steht uneingeschränkt hinter mir.

Welche weiteren Karriere-Schritte planen Sie, wenn Sie demnächst Ihr afw-Aufbaustudium absolviert und das BWL-Diplom in der Tasche haben?

Das Ausbildungsprogramm der afw für Trainer und Berater in der Unternehmens-Entwicklung hört sich viel versprechend an. Damit könnte ich meine Berater-Kompetenz weiter stärken.

Was raten Sie türkischen Landsleuten, die erst später als Ihre Familie nach Deutschland gekommen sind und noch nicht so gut Deutsch sprechen? Ist nicht gerade für sie das Fernstudium der beste Weg weiter zu lernen?

Ganz genau, denn ich glaube, der Anderssprachige kann den Lernstoff, den er schwarz auf weiß vor Augen hat und den er lesend bewältigen muss, besser und schneller begreifen als hörend im Hörsaal, wo alles an ihm vorbeirauscht. Und intensives Selbststudium kann auch viel effektiver zur raschen sprachlichen Integration in Deutschland beitragen.

Was raten Sie türkischen Newcomern, wie sie sich bei der Studienauswahl verhalten sollen?

Sie sollten nach einfachen Konzepten fragen, denn den Menschen muss ja auch erst einmal das Lernen beigebracht werden. Die Lernenden sollten nicht für Zensuren, sondern selbstbestimmt lernen müssen. Und ganz wichtig: Das Erlernte sollte sofort anwendbar sein. Multimedial, also mit Bildern, CD’s, DVD’s, Projekten und auch einigen Präsenzseminaren sollte Fernlernen lebendig gestaltet sein; denn Lernen muss Spaß machen. (Ende)

Das Interview führte Eberhard B. Freise, Journalist und Public-Relations-Berater